Gu ya / Dao ya

Fructus Oryzae Germinatus — gekeimter Reis / Reissprossen 

Die Reissprossen gehören zu den chinesischen Kräutern, die Nahrungsmittelstagnationen lösen. Gu ya hat einen süß-neutralen bis warmen Charakter und wirkt auf Milz und Magen. Reissprossen haben eine besondere Wirkung auf das Verdauungssystem, indem sie die Verdauung fördern und Nahrungsmittelstagnationen reduzieren. Sie öffnen den Magen, harmonisieren die Mitte und stärken und senken gleichzeitig das Qi. Auch die Milz wird gestärkt und gekräftigt, sodass eine Appetit-anregende Wirkung generiert wird. 

Gu ya wirkt deutlich sanfter als Mai ya (Gerstensprossen).

Stillende Mütter sollten mit dem Verzehr dieser Sprossen vorsichtig sein, da beide Arzneien — Gu ya und Mai ya — in der Lage sind die Milchproduktion zu hemmen. 

Nou dao gen

Radix oryzae glutinosae  — Reiswurzeln

Die Reiswurzel hat eine stabilisierende und bewahrende Wirkung. Sie hat einen süß-neutralen Charakter und wirkt auf Nieren, Leber, Lungen und Herz. Der therapeutische Einsatz von Reiswurzeln bezieht sich auf den adstringierenden Charakter, der starkes Schwitzen, bedingt durch eine Schwäche an Qi oder Yin, stoppt oder vermindert. Bei leichtem / niedrigem Fieber — ebenfalls bedingt durch eine Schwäche an Qi oder Yin — senkt es die Körpertemperatur.

‚Xiàng 象‘ — Analogie zum „Denken“ in der Chinesischen Medizin

 „Xiàng 象” ist die Erscheinung, das Phänomen, das Symbol und das Image. Der Begriff stammt aus dem „Yì jīng 易经“ (Buch der Wandlungen), wo sich „Xiàng” sowohl auf das Phänomen der Weissagung, als auch auf das Phänomen des Gegenstandes bezieht.

“取象比类 Qǔ xiàng bǐ lèi” ist die Denkmethode,  unterschiedliche Sachen durch ihre Vergleichbarkeit zu beschreiben oder als Symbole darzustellen. „Qǔ xiàng” bedeutete, das Objekt zu erkennen und zu begreifen. „Bǐ  lèi” ist das Ziel von „Qǔ xiàng”, nämlich Analogie zu bilden. Sie ist eine der wichtigsten Denkmethoden, die beim Aufbau der theoretischen Chinesischen Medizin (CM) eine entscheidende Rolle gespielt hat und zur Entwicklung der CM beigetragen hat. 

„Der Himmel und der Mensch stehen miteinander im Einklang (天人合一  Tiān rén hé yī)“, so bildet man die Allegorie zwischen Körpern und Phänomenen der Natur, des Lebewesens, sowie der Gesellschaft.

Diese Denkart die CM wird verwendet, um die Physiologie, Pathologie und Pharmakologie zu interpretieren. Die elementaren Begriffe der CM-Theorie — Qì, Yīn – Yáng, Wǔ Xíng, Jīng Luò und Zàng Fǔwerden auf Basis der Philosophie gewandelt. Durch die Einheit oder Nichtunterscheidbarkeit wird der sinnbildliche Gebrauchsweise von Sprache verständlicher. Anhand weiterer anschaulicher Anwendungen, wie etwa „das Herz regiert den Shén (Geist), so wie der Kaiser und Herrscher der inneren Organe……“, oder bildhaften Ausdrücken, wie „Schleim verwirrt das Herz“, „Leber-Wind bewegt sich nach Innen“, „Loderndes Leber-Feuer“, „Nieren-Yang-Xu mit Wasserüberschwemmung“, kristallisiert sich die metaphorische Struktur der therapeutischen Sprache deutlich heraus. 

Die Denkmethode „Qǔ xiàng bǐ lèi“ spiegelt sich auch in der Kräutertherapie wider. In der Kräutertherapie benutzt man Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten, Schalen, Kerne, Samen und den Saft einer Pflanze, um bestimmte spezifische Wirkungen zu erzielen. Die Stängel einiger Pflanzen haben Hohlräume in der Mitte, daher stehen diese dafür „durchgängig zu machen und frei fließen zu lassen“, wie beispielsweise Zǐ sū gěng und Huò xiāng gěng eine Qi-regulierte Wirkung haben. Alle Blüten haben den Charakter „sich auszudehnen“, somit haben Méi guī huā und Yuè jì huā die Funktion das Leber-Qi zu befreien und Stagnation aufzulösen. Alle Samen senken ab, um neue Generationen zu vermehren, daher haben Gǒu qí zǐund Tù sī zǐeine sehr gute tonisierende Wirkung auf den untere Jiao — Leber und Nieren — von der Bedeutung her „nach Unten absenkend“. 

Ebenso hat die Farbe häufig einen Bezug zu den Kräutern. So geht rot ins Herz, z.B. Hóng huā, Chì sháo und Dān shēn, und weiß geht in die Lunge, z.B. Bǎi hé und Chuān bèi. Auch die Form ist wichtig, so sieht eine Walnuss aus wie Gehirn und hat die Funktion, das Gehirn zu stärken und die Intelligenz  zu unterstützen.

Xiaoyan Wiesemann

Chinesisches Neujahr

除夕 (chú xī, Silvester) und 春节 (chūn jié, Frühlingsfest)

Das Frühlingsfest (chūn jié 春节) ist das wichtigste traditionelle Festival in China. Silvester (chú xī 除夕) ist jedes Jahr die letzte Nacht des zwölften Monats (là yuè 腊月) des Mondkalenders. Das Jahr der Metall-Ratte begann am 25. Januar 2020 und endete am 11. Februar 2021. Am 12. Februar 2021 beginnt das Jahr des Metall-Büffels.

Chú 除 bedeutet ‚entfernen‘; 夕 ist „die Nacht“. Chú xī ist ein Festival, das sich vom Alten verabschiedet, das Neue begrüßt und alles erneuert. 

Eine alte Legende besagt, dass ein „menschenfressendes Monster“ (später wurde es genannt) jedes Jahr aus den Bergen kam, um seinen Hunger zu stillen. Um das „Monster“ zu vertreiben, machten die Menschen Lärm und Feuer und färbten alles rot und gold. Daher stammt die Legende des Namens chú xī, das soviel bedeutet wie „das Böse beseitigen“.  

Gebräuche

Traditionelle Bräuche des Silvesterabends, die über Jahrtausende weitergegeben wurden, haben bis heute Bestand, wie das nächtliche Aufbleiben oder das Licht in der Nacht brennen zu lassen, das Kleben von Türgöttern, das Einfügen von Neujahrsegensspruch, das Einfügen von Neujahrsbildern, das Aufhängen von Laternen, und viele Weitere. 

Das Silvesteressen am Abend wird auch als Wiedersehensessen bezeichnet. Traditionelle Gerichte des Silvesteressens sind oft jiǎo zi (Maultaschen), yú (Fisch) und nián gāo (Reiskuchen). Jiǎozi sehen wie Goldbarren aus, daher symbolisieren für Reichtum und Ehre. Der Fisch sollte nicht aufgegessen werden und hat die verheißungsvolle Bedeutung, „jedes Jahr Überfluss zu haben“, während der Reiskuchen bedeutet „jedes Jahr aufzusteigen“. 

Die Leute kleben gerne verschiedene rote Papiermuster an die Fenster – eine Dekoration, die als „Fensterblumen“ bezeichnet wird. Fensterdekoration verbreitet nicht nur die festliche Atmosphäre, sondern zeigt mit ihrer einzigartigen Verallgemeinerung und Übertreibung viel Glück und gute Wünsche und verleihen den Feierlichkeiten Wohlstand.

Das Wort „ 福, Segen“ bezieht sich auf Segen und Glück, was die Sehnsucht der Menschen nach einem glücklichen Leben und den Wünschen nach einer besseren Zukunft vermittelt. Um diese Sehnsucht und diesen Wunsch besser widerzuspiegeln, stellen einige Leute einfach das Wort „Segen“ auf den Kopf (fú dào), was darauf hinweist, dass „Glück und Segen angekommen ist“.

Wir wünschen Ihnen “恭贺新禧 Glückwunsch für neues Glück und Segen im neuen Jahr“, ”身体健康 Glückwunsch für Gesundheit und Langlebigkeit“,“恭喜发财 Glückwunsch für Erfolg und Wohlstand“,“万事如意 Mögen alle Ihre Wünsche wahr werden“!

Xiaoyan Wiesemann

Die Diversität des chinesischen Medizinsystems

Das chinesische Medizinsystem umfasst fünf Säulen, die Akupunktur, die Arzneimitteltherapie, die Diätetik, Tuina und die Bewegungstherapien Qigong & Taiji. In Europa ist insbesondere die Akupunktur seit dem 17. Jh. bekannt und wird seit ca. 100 Jahren intensiver genutzt. Das seit ca. 2000 Jahren angewandte chinesische Medizinsystem verfügt über einen klar definiertesn Wortschatz und spezielle Regeln, die eine klare Diagnosestellung und eine Vergleichbarkeit klinischer Beobachtungen ermöglichen, basierend auf einer sehr umfangreichen Medizinliteratur mit ca. 15000 erhaltenen klassischen Werken.

Das Grundkonzept der Chinesischen Medizin baut auf dem aktiven lebensenergetischen Potential eines Menschen auf, genannt „Qi“, die Grundfunktion des Lebens. Das Qi durchströmt den Körper in klar definierten energetischen Leitbahnen, die „Meridiane“. Ausgehend von der Körpermitte, werden periphere Extremitäten energetisch versorgt. Das Leitbahnsystem wird gebildet aus 12 oberflächlich verlaufenden Hauptmeridianen, die jeweils einem Organ-Funktionskreis zugeordnet und an klar definierten Orten beeinflussbar sind. Das substanzielle Komplement des Qi´s sind die „Xue“, hauptsächlich definiert als Blut, aber auch als andere nährende Körpersäfte.

Von zentraler Bedeutung sind die Funktionskreise (Zang Fu), übersetzt in Organe, die einerseits ein stofflich-räumliches und andererseits ein makro- und mikrokosmisches Entsprechungssystem umfassen. Diese umfassen hauptsächlich im Körperinneren stattfindende Prozesse.

Die fünf Hauptfunktionskreise sind:

  • Leber (Holz)
  • Herz (Feuer)
  • Milz (Erde)
  • Lunge (Metall)
  • Nieren (Wasser)

Ein chinesischer Therapeut setzt insgesamt vier Diagnoseverfahren ein, um die körperliche und energetische Situation eines/r PatientIn zu erfassen. Diese sind eine ausführliche Befragung, Riechen und Hören, eine eingehende Betrachtung, sowie Palpitation. Die Befragung umfasst wichtige Aspekte des subjektiven Befindens des/r PatientIn, wie Schlafstörungen, Hunger- und Durstempfinden, usw. Während der Befragung wird gleichzeitig der Klang der Stimme, die Atmung und der Geruch beurteilt. Weiterhin wichtig ist das generelle äußere Erscheinungsbild, sowie explizit die Betrachtung der Zunge und das Fühlen des Pulses, der in der Chinesischen Medizin ganz besondere Qualitäten aufweist.

Das primäre therapeutische Ziel ist es, disharmonische Zustände wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wobei insbesondere die fünf zuvor genannten Säulen der Chinesischen Medizin zum Einsatz kommen.

Die Akupunktur ist das wohl bekannteste Therapieverfahren, die primär den Energiefluss in unserem Körper, durch Einwirken auf definierte Punkte des Meridiansystems, beeinflusst. Darüber werden Blockaden gelöst, schädliche Einflüsse ausgeleitet, der Qi-Fluss reguliert und somit ein energetisches Gleichgewicht wiederhergestellt. Die Moxibustion ermöglicht eine punktuelle Erwärmung der Haut in speziellen Bereichen, durch glimmendes Beifußkraut (Artemisia vulgaris), um bewegende Wärme in den Körper zu leiten.

Die Arzneimitteltherapie ist in Deutschland weniger bekannt. Entsprechend der Chinesischen Diagnose wird eine individuelle Rezeptur zusammengestellt, in der Regel mit bis zu 12 chinesischen Kräutern. Hauptsächlich werden pflanzliche, aber auch mineralischen und tierische Bestandteile verwendet, die für eine gewisse Zeit ausgekocht werden. Die Quantifizierung der Einzelkräuter erfolgt nach ihrer Geschmacksrichtung, ihrem Temperaturverhalten und ihrem Funktionskreisbezug. Praktisch bewährt hat sich die individuelle und flexible Anpassungsfähigkeit einer Rezeptur, entsprechend einer Befundsänderung und der Verträglichkeit durch den Patienten. Häufig wird die Arzneimitteltherapie mit der Akupunktur kombiniert.

Die Übergänge der Kräutertherapie zur Diätetik sind fließend. Häufig wird eine Behandlung in China durch diätetische Empfehlungen unterstützt bzw. zunächst einer Behandlung mit Kräutern vorgezogen. So kann bereits die Meidung oder eine gezielte Auswahl bestimmter Nahrungsmittel auf bestimmte Funktionskreise einwirken und einen therapeutischen Erfolg zeigen.

Um mehr über diese drei therapeutischen Bereiche der Chinesischen Medizin zu erfahren, verfolgt gerne unseren Blog! 🙂

Ramona Pick

„Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“ – Hippokrates von Kos

Es scheint so, als habe die moderne Wissenschaft und geschichtliche Vorfahren mehr gemeinsam, als es vermuten lässt, denn Ernährung, eingesetzt als Medizin, ist keine neuartige Erfindung. Eine individuelle und dem Konstitutionstyp entsprechende Ernährungstherapie schlägt die Brücke zwischen moderner Medizin und ursprünglichem medizinischen Wissen. Hippokrates von Kos hat es schon damals auf den Punkt gebracht: „Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“. Nach dieser Devise sollten wir heute Leben.

Hippokrates von Kos (ca. 460- ca. 377 v.Chr.) soll der berühmteste Arzt der Antike gewesen sein, der heute als Begründer der medizinischen Lehre gilt. Die Heilkunst lehrte ihm sein Vater. Hippokrates entwickelte eine medizinische Philosophie, basierend auf seinen Beobachtungen und praktischen Erfahrungen. Diese brach radikal mit den alten religiösen Vorstellungen über Entstehung und Therapie von Erkrankungen, der „Laune der Götter“. Hippokrates forderte eine ganzheitliche Betrachtung der Lebensumstände und Anamnese (Vorgeschichte) des Erkrankten. Ein Arzt sollte genau wissen, wir sich die einzelnen Elemente des Kosmos zueinander und zum menschlichen Körper verhalten. Die heutige evidenzbasierte (Schul-) Medizin baut immer noch auf diesem Prinzip auf. Als Auslöser der meisten Krankheiten definierten entsprechende Ärzte ein Ungleichgewicht der vier elementaren Körpersäfte, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Diesen Säften wurden vier Grundcharaktertypen zugeordnet, über die sich unter anderem der individuelle Konstitutionstyp bestimmen lässt. Dieses medizinische Weltbild der Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie) hielt sich sehr lange in der wissenschaftlichen Leere Europas und wird erst durch die Veröffentlichung der Zellularpathologie, in der Krankheiten aus pathogenen Veränderungen in Körperzellen entstehen, 1858 abgelöst. Um 400 v. Chr. begannen die Mediziner ihre Philosophie und das gesamte praktische Wissen als Kompendium für den medizinischen Nachwuchs aufzuzeichnen, die sich später in insgesamt 60 Schriften des Corpus Hippocraticum ausweiten.

Ramona Pick