Die Geschichte der Akupunktur — Teil 3

Hua Tuo — Der erste Chirurg

Der bekannte Chirurg Hua Tuo ist der erste bekannte Chirurg der Welt. Er lebte 110 – 207 n. Chr. und wird heute noch als „Gott der Chirurgie“ verehrt. Seine PatientInnen betäubte er mit einer Kräutermischung (Ma Fei San), die aus Hanf und Wein bestand. Hua Tuo behandelte mit wenigen Kräutern und war bekannt dafür, dass er mit nur einer Nadel (1-Nadel-Methode), heilen konnte.

Hua Tuo, der Zeit seines Lebens ein Mediziner des Volkes blieb, gilt ebenso als Begründer des Qi Gong und des Taiji Quan. Die Berühmten Übungen, in denen die Bewegungen von Tiger, Bär, Affe, Hirsch und Kranich nachgeahmt werden, gehen auf ihn zurück.

Der Chirurg Hua Tuo

Die Systematisierung der Akupunktur ging soweit, dass man zur Zeit der Jin Dynasty in einem Werk erstmals 349 Punkte erwähnte und beschrieb, die man im Klassiker der inneren Medizin noch nicht kannte. Dieses Werk das Zhen jiu jia yi jing („Klassiker über Stechen und Brennen“ oder „Das ABC der Akupunktur und Moxibustion“) wurde ca. 259 n. Chr. von Huang Fumi verfasst und ist nach dem Huang ti nei jingder zweite wichtige Klassiker.

Huang Fumi

Im Qian jin fang („Rezepte, die tausend Goldstücke wert sind“) schreibt Sun Simiao darüber, dass ein wirklich guter Arzt Akupunktur nicht ohne Moxibustion anwendet und umgekehrt, sowie keine Kräutertherapie ohne Akupunktur ausübt.

Sein Werk besteht aus zwei Teilen, dem Qian jiu yao fang, einem Sammelwerk aller wichtigen Werke, die bis dahin geschrieben wurden, und dem Qian jiu yi fang, einer Ergänzung zum ersten Werk. Das erste Werk enthält verschiedenfarbige Karten über Meridiane und Punkte in einer dorsalen, ventralen und lateralen Ansicht. Die Ashi-Punkt und das Fingermaß werden erstmals in diesem Werk erwähnt.

Sun Simiao — König der Medizin

Dem Arzt Wang Weiyi verdankte die TCM-Welt ein großes und wichtiges Werk, sowie die ersten beidenBronzefiguren. Sein Werk Tong ren shu xue zhen jiu tu jing („Illustriertes Handbuch über Punkte für Akupunktur und Moxibustion unter Verwendung einer Bronzestatue“), das 1027 veröffentlicht wurde, setzte neue Meilensteine in der Akupunktur.

Die Bronzestatuen waren lebensgroß und sollten in der Zukunft zur Überprüfung der Schüler dienen. Zu diesem Zweck wurden die Statuen mit Bienenwachs überzogen und mit Wasser gefüllt. Stach der Prüfling die Punkte korrekt an, spritze ein Wasserstrahl aus der Bronzefigur.

Bronzefigur

1220 n. Chr. schreibt Wang Zhizhong das Zhenjiu zishengjing („Klassiker der Abhandlung mit Akupunktur und Moxibustion“). Darin fasst er das, bis dahin, bekannte Wissen über Akupunktur und Moxibustion zusammen.

Shi si jing fa hui („Erweiterung der vierzehn Meridiane“), 1341 n. Chr. von Hua Shou (Hua Boren) veröffentlicht, beschreibt den Verlauf der 12 Hauptmeridiane, sowie des Ren und Du Mai’s uns sonstige Information zu Akupunkturpunkten. 

Zhen jiu da quan („Komplettes Werk über Akupunktur und Moxibustion“) wurde von Xu Feng um 1439 verfasst. Er setzt sich in diesem Werk insbesondere mit Akupunkturpunkten des gesamten Körpers auseinander, die Bekannt sind aus der „Ode an die spirituelle Klarheit“ (ling guang fu), „Ode an tong xuan“ (tong xuan fu), „Ode an die goldene Nadel“ (jin zhen fu), oder „Ode an Xi hong“. Außerdem befasst er sich mit „dem Lied von Ma Dan-Yang’s elf Himmelssternpunkten“ (Ma danyang tian xing shi er xue ge) und ergänzte einen zwölften Punkt (Le 3) zu den 13 Geistpunkten von Sun Simiao.

Zhen jiu wen dui („Fragen und Antworten zur Akupunktur und Moxibustion“), von Wang Ji 1530 verfasst, befasst sich, wie seine Vorgänger, mit verschiedenen Themen der Akupunktur und Moxibustion. Unter anderem verfechtet er die Meinung, dass man nur alleine mit Akupunktur das Qi/yang und xue/yin nicht tonisieren kann. Akupunktur ist mehr ein Verfahren zum ausleiten, weniger zum Aufbauen. Zur Stärkung braucht man das Aroma, d.h. die Geschmäcker bzw. die Kräuter.

Die Studie über die Acht Extrameridiane Qi jing ba mai kao wurde 1578 veröffentlicht, ihr Verfasser ist kein Geringerer als Li Shizhen, der Autor des Ben cao qang mu wurde. In diesem Buch beschreibt Li den Verlauf der acht Extrameridiane, sowie die Krankheiten, die durch sie beeinflusst werden.

1601 veröffentlicht Yang Ji-Zhou das Zhen jiu da cheng („Kompendium oder großes Werk der Akupunktur und Moxibustion“). Es ist wohl nach dem Huang di nei jing das wichtigste Werk über Akupunktur und Moxibustion. Das Zhen jiu da chengist eine vollständige Sammlung der bis zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Literatur, verbunden mit den damals neuesten Erkenntnissen zur Akupunktur und Moxibustion. Es ist versehen mit zahlreichen Kommentaren und Fallbeschreibung, sowie geheim gehaltenen Behandlungsmethoden.

Die Geschichte der Akupunktur — Teil 2

Das Huáng dì nèi jīng 黄帝内经

Das erste große Werk zur Akupunktur ist der „Innere Klassiker (Gelbe Kaiser) zur inneren Medizin“ das „Huang Di nei jing – su wen“ das in der Zeit der kämpfenden Reiche verfasst wurde (221 v. Chr – 220 n. Chr.). Dieses Werk ist ein Dialog zwischen dem legendären Gelben Kaiser (der 2700 v. Chr. gelebt haben soll) und einem Lehrer für Medizin, insbesondere dem Minister Chi Po.

Dieses Buch ist das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) im Allgemeinen und der Akupunktur und Moxibustion im Besonderen. Es besteht aus zwei Teilen, dem Su wen (Grundlegende Fragen) das sich hauptsächlich mit Medizintheorie befasst und dem Ling shu (Angelpunkt/Zentrum des Wirkvermögens), in dem es um die Akupunkturpraxis, Meridiane, Kollateralen, Punkte, die neun Nadeln, Manipulationstechniken, usw. geht. 

Es gibt mittlerweile zahlreiche Übersetzungen dieses Werkes in westlichen Sprachen, doch ist es sinnvoll das Werk zusammen mit einem „Nei Jing-Experten“ zu erarbeiten, da zu viele Aspekte falsch verstanden oder falsch interpretiert werden könnten.

Huang Di — Der gelbe Kaiser

nàn jīng 难经 (Klassiker der schwierigen Fragen)

Ein weiterer Klassiker, der auf dem vorgenannten Werken basiert, ist das Nan jing („Klassiker der schwierigen Fragen“) von Qin Yue-Ren oder auch Bian Que genannt, der 500 v. Chr. lebte. Ähnlich wie das Huang ti nei jing, ist das Buch im Fragen-Antworten-Stil geschrieben und beinhaltet Basiswissen der TCM zu Puls, Meridiantheorie, Zang-Fu-Theorie, Akupunkturpunkten und -methoden.

Bian Que / Qin Yue-Re

Die Geschichte der Akupunktur – Teil 1

Wichtige klassische Schriften und berühmte Ärzte der Akupunktur

Die Anfänge der Akupunktur und Moxibution (zhen-jiu, auf deutsch „Stechen und Brennen“) gehen zurück in eine Zeit, wo Krankheiten und Schmerzen noch mit Dämonen und Geistern in Verbindung gebracht wurden. Zeitlich kann man diese Anfänge auf mehr als 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datieren. Was durch Ausgrabungen belegt ist, bei denen Nadeln aus Steinen oder aus Bambus gefunden wurden. 

Am Anfang stand der Zufall — Akupunktur als Experimentalmedizin

In vielen Kulturen der Welt entstanden verschiedene Therapieverfahren durch Glücksfäll. So auch die Akupunktur. Ursprünglich entwickelte sich die Akupunktur aus zufälligen Erfahrungen. Durch eine versehentliche Quetschung oder Hautschürfungen, durch eine Verletzung oder gar durch eine Pfeilwunde verschwand plötzlich ein alter Schmerz und traten auch nicht mehr auf. Auch das Reiben, Massieren oder Beklopfen eines bestimmten Hautareals, was wir oft instinktiv nach einer Verletzung tun, linderte den Schmerz und das Unbehagen verschwand. Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass bestimmte Punkte besonders effektiv waren und so wurde die Theorie, dass bestimmte Punkte auf entfernte Stellen wirkten, geboren und im Laufe der Jahrhunderte systematisiert.

Wurde am Anfang mit Steinnadeln und Fischgräten punktiert, sowie mit Steinsplittern geschnitten, so entstanden später Nadeln aus Bambus, aus Knochen und in der Bronzezeit wurden Nadeln aus Metallen gefertigt. Nadeln die mit den heutigen Stahlnadeln bezüglich ihrer Feinheit nicht zu vergleichen sind.

Mit den neuen Fertigkeiten entstanden die neuen Nadeltypen

In einem anderen Grab aus späterer Zeit aber vor unserer Zeitrechnung, wurden neun Nadeln gefunden, die aus Gold und Silber gefertigt waren. Diese neun Nadeltypen wurden im Ling Shu, dem zweiten Teil des Gelben Kaisers der inneren Medizin, dem Akupunkturklassikers (Zhen jing) beschrieben.

Zeichnungen aus dem Wu qian (Golden Mirror of Medicine) (links) und aus dem Zhen jing zhai ying li (rechts)

Moxibustion

Ähnlich verhielt es sich mit der Brennmethode (jiu fa). Nach dem das Feuer entdeckt war und benutzt wurde, bemerkte man ebenfalls aus Zufall seine wohltuende und schmerzlindernde Wirkung und entwickelte im Laufe der Jahre die Brenntherapie. Benutzte man zunächst Kohle, entstand später das Moxakraut (Beifußkraut). Die ersten Aufzeichnungen über die Anwendung von Nadeln (spitze Steine oder Bambus) stammen aus der Zeit um 1600 vor Chr.

Gerd Wiesemann

‚Xiàng 象‘ — Analogie zum „Denken“ in der Chinesischen Medizin

 „Xiàng 象” ist die Erscheinung, das Phänomen, das Symbol und das Image. Der Begriff stammt aus dem „Yì jīng 易经“ (Buch der Wandlungen), wo sich „Xiàng” sowohl auf das Phänomen der Weissagung, als auch auf das Phänomen des Gegenstandes bezieht.

“取象比类 Qǔ xiàng bǐ lèi” ist die Denkmethode,  unterschiedliche Sachen durch ihre Vergleichbarkeit zu beschreiben oder als Symbole darzustellen. „Qǔ xiàng” bedeutete, das Objekt zu erkennen und zu begreifen. „Bǐ  lèi” ist das Ziel von „Qǔ xiàng”, nämlich Analogie zu bilden. Sie ist eine der wichtigsten Denkmethoden, die beim Aufbau der theoretischen Chinesischen Medizin (CM) eine entscheidende Rolle gespielt hat und zur Entwicklung der CM beigetragen hat. 

„Der Himmel und der Mensch stehen miteinander im Einklang (天人合一  Tiān rén hé yī)“, so bildet man die Allegorie zwischen Körpern und Phänomenen der Natur, des Lebewesens, sowie der Gesellschaft.

Diese Denkart die CM wird verwendet, um die Physiologie, Pathologie und Pharmakologie zu interpretieren. Die elementaren Begriffe der CM-Theorie — Qì, Yīn – Yáng, Wǔ Xíng, Jīng Luò und Zàng Fǔwerden auf Basis der Philosophie gewandelt. Durch die Einheit oder Nichtunterscheidbarkeit wird der sinnbildliche Gebrauchsweise von Sprache verständlicher. Anhand weiterer anschaulicher Anwendungen, wie etwa „das Herz regiert den Shén (Geist), so wie der Kaiser und Herrscher der inneren Organe……“, oder bildhaften Ausdrücken, wie „Schleim verwirrt das Herz“, „Leber-Wind bewegt sich nach Innen“, „Loderndes Leber-Feuer“, „Nieren-Yang-Xu mit Wasserüberschwemmung“, kristallisiert sich die metaphorische Struktur der therapeutischen Sprache deutlich heraus. 

Die Denkmethode „Qǔ xiàng bǐ lèi“ spiegelt sich auch in der Kräutertherapie wider. In der Kräutertherapie benutzt man Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten, Schalen, Kerne, Samen und den Saft einer Pflanze, um bestimmte spezifische Wirkungen zu erzielen. Die Stängel einiger Pflanzen haben Hohlräume in der Mitte, daher stehen diese dafür „durchgängig zu machen und frei fließen zu lassen“, wie beispielsweise Zǐ sū gěng und Huò xiāng gěng eine Qi-regulierte Wirkung haben. Alle Blüten haben den Charakter „sich auszudehnen“, somit haben Méi guī huā und Yuè jì huā die Funktion das Leber-Qi zu befreien und Stagnation aufzulösen. Alle Samen senken ab, um neue Generationen zu vermehren, daher haben Gǒu qí zǐund Tù sī zǐeine sehr gute tonisierende Wirkung auf den untere Jiao — Leber und Nieren — von der Bedeutung her „nach Unten absenkend“. 

Ebenso hat die Farbe häufig einen Bezug zu den Kräutern. So geht rot ins Herz, z.B. Hóng huā, Chì sháo und Dān shēn, und weiß geht in die Lunge, z.B. Bǎi hé und Chuān bèi. Auch die Form ist wichtig, so sieht eine Walnuss aus wie Gehirn und hat die Funktion, das Gehirn zu stärken und die Intelligenz  zu unterstützen.

Xiaoyan Wiesemann

Chinesisches Neujahr

除夕 (chú xī, Silvester) und 春节 (chūn jié, Frühlingsfest)

Das Frühlingsfest (chūn jié 春节) ist das wichtigste traditionelle Festival in China. Silvester (chú xī 除夕) ist jedes Jahr die letzte Nacht des zwölften Monats (là yuè 腊月) des Mondkalenders. Das Jahr der Metall-Ratte begann am 25. Januar 2020 und endete am 11. Februar 2021. Am 12. Februar 2021 beginnt das Jahr des Metall-Büffels.

Chú 除 bedeutet ‚entfernen‘; 夕 ist „die Nacht“. Chú xī ist ein Festival, das sich vom Alten verabschiedet, das Neue begrüßt und alles erneuert. 

Eine alte Legende besagt, dass ein „menschenfressendes Monster“ (später wurde es genannt) jedes Jahr aus den Bergen kam, um seinen Hunger zu stillen. Um das „Monster“ zu vertreiben, machten die Menschen Lärm und Feuer und färbten alles rot und gold. Daher stammt die Legende des Namens chú xī, das soviel bedeutet wie „das Böse beseitigen“.  

Gebräuche

Traditionelle Bräuche des Silvesterabends, die über Jahrtausende weitergegeben wurden, haben bis heute Bestand, wie das nächtliche Aufbleiben oder das Licht in der Nacht brennen zu lassen, das Kleben von Türgöttern, das Einfügen von Neujahrsegensspruch, das Einfügen von Neujahrsbildern, das Aufhängen von Laternen, und viele Weitere. 

Das Silvesteressen am Abend wird auch als Wiedersehensessen bezeichnet. Traditionelle Gerichte des Silvesteressens sind oft jiǎo zi (Maultaschen), yú (Fisch) und nián gāo (Reiskuchen). Jiǎozi sehen wie Goldbarren aus, daher symbolisieren für Reichtum und Ehre. Der Fisch sollte nicht aufgegessen werden und hat die verheißungsvolle Bedeutung, „jedes Jahr Überfluss zu haben“, während der Reiskuchen bedeutet „jedes Jahr aufzusteigen“. 

Die Leute kleben gerne verschiedene rote Papiermuster an die Fenster – eine Dekoration, die als „Fensterblumen“ bezeichnet wird. Fensterdekoration verbreitet nicht nur die festliche Atmosphäre, sondern zeigt mit ihrer einzigartigen Verallgemeinerung und Übertreibung viel Glück und gute Wünsche und verleihen den Feierlichkeiten Wohlstand.

Das Wort „ 福, Segen“ bezieht sich auf Segen und Glück, was die Sehnsucht der Menschen nach einem glücklichen Leben und den Wünschen nach einer besseren Zukunft vermittelt. Um diese Sehnsucht und diesen Wunsch besser widerzuspiegeln, stellen einige Leute einfach das Wort „Segen“ auf den Kopf (fú dào), was darauf hinweist, dass „Glück und Segen angekommen ist“.

Wir wünschen Ihnen “恭贺新禧 Glückwunsch für neues Glück und Segen im neuen Jahr“, ”身体健康 Glückwunsch für Gesundheit und Langlebigkeit“,“恭喜发财 Glückwunsch für Erfolg und Wohlstand“,“万事如意 Mögen alle Ihre Wünsche wahr werden“!

Xiaoyan Wiesemann

„Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“ – Hippokrates von Kos

Es scheint so, als habe die moderne Wissenschaft und geschichtliche Vorfahren mehr gemeinsam, als es vermuten lässt, denn Ernährung, eingesetzt als Medizin, ist keine neuartige Erfindung. Eine individuelle und dem Konstitutionstyp entsprechende Ernährungstherapie schlägt die Brücke zwischen moderner Medizin und ursprünglichem medizinischen Wissen. Hippokrates von Kos hat es schon damals auf den Punkt gebracht: „Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“. Nach dieser Devise sollten wir heute Leben.

Hippokrates von Kos (ca. 460- ca. 377 v.Chr.) soll der berühmteste Arzt der Antike gewesen sein, der heute als Begründer der medizinischen Lehre gilt. Die Heilkunst lehrte ihm sein Vater. Hippokrates entwickelte eine medizinische Philosophie, basierend auf seinen Beobachtungen und praktischen Erfahrungen. Diese brach radikal mit den alten religiösen Vorstellungen über Entstehung und Therapie von Erkrankungen, der „Laune der Götter“. Hippokrates forderte eine ganzheitliche Betrachtung der Lebensumstände und Anamnese (Vorgeschichte) des Erkrankten. Ein Arzt sollte genau wissen, wir sich die einzelnen Elemente des Kosmos zueinander und zum menschlichen Körper verhalten. Die heutige evidenzbasierte (Schul-) Medizin baut immer noch auf diesem Prinzip auf. Als Auslöser der meisten Krankheiten definierten entsprechende Ärzte ein Ungleichgewicht der vier elementaren Körpersäfte, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Diesen Säften wurden vier Grundcharaktertypen zugeordnet, über die sich unter anderem der individuelle Konstitutionstyp bestimmen lässt. Dieses medizinische Weltbild der Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie) hielt sich sehr lange in der wissenschaftlichen Leere Europas und wird erst durch die Veröffentlichung der Zellularpathologie, in der Krankheiten aus pathogenen Veränderungen in Körperzellen entstehen, 1858 abgelöst. Um 400 v. Chr. begannen die Mediziner ihre Philosophie und das gesamte praktische Wissen als Kompendium für den medizinischen Nachwuchs aufzuzeichnen, die sich später in insgesamt 60 Schriften des Corpus Hippocraticum ausweiten.

Ramona Pick

Die Diversität des chinesischen Medizinsystems

Das chinesische Medizinsystem umfasst fünf Säulen, die Akupunktur, die Arzneimitteltherapie, die Diätetik, Tuina und die Bewegungstherapien Qigong & Taiji. In Europa ist insbesondere die Akupunktur seit dem 17. Jh. bekannt und wird seit ca. 100 Jahren intensiver genutzt. Das seit ca. 2000 Jahren angewandte chinesische Medizinsystem verfügt über einen klar definiertesn Wortschatz und spezielle Regeln, die eine klare Diagnosestellung und eine Vergleichbarkeit klinischer Beobachtungen ermöglichen, basierend auf einer sehr umfangreichen Medizinliteratur mit ca. 15000 erhaltenen klassischen Werken.

Das Grundkonzept der Chinesischen Medizin baut auf dem aktiven lebensenergetischen Potential eines Menschen auf, genannt „Qi“, die Grundfunktion des Lebens. Das Qi durchströmt den Körper in klar definierten energetischen Leitbahnen, die „Meridiane“. Ausgehend von der Körpermitte, werden periphere Extremitäten energetisch versorgt. Das Leitbahnsystem wird gebildet aus 12 oberflächlich verlaufenden Hauptmeridianen, die jeweils einem Organ-Funktionskreis zugeordnet und an klar definierten Orten beeinflussbar sind. Das substanzielle Komplement des Qi´s sind die „Xue“, hauptsächlich definiert als Blut, aber auch als andere nährende Körpersäfte.

Von zentraler Bedeutung sind die Funktionskreise (Zang Fu), übersetzt in Organe, die einerseits ein stofflich-räumliches und andererseits ein makro- und mikrokosmisches Entsprechungssystem umfassen. Diese umfassen hauptsächlich im Körperinneren stattfindende Prozesse.

Die fünf Hauptfunktionskreise sind:

  • Leber (Holz)
  • Herz (Feuer)
  • Milz (Erde)
  • Lunge (Metall)
  • Nieren (Wasser)

Ein chinesischer Therapeut setzt insgesamt vier Diagnoseverfahren ein, um die körperliche und energetische Situation eines/r PatientIn zu erfassen. Diese sind eine ausführliche Befragung, Riechen und Hören, eine eingehende Betrachtung, sowie Palpitation. Die Befragung umfasst wichtige Aspekte des subjektiven Befindens des/r PatientIn, wie Schlafstörungen, Hunger- und Durstempfinden, usw. Während der Befragung wird gleichzeitig der Klang der Stimme, die Atmung und der Geruch beurteilt. Weiterhin wichtig ist das generelle äußere Erscheinungsbild, sowie explizit die Betrachtung der Zunge und das Fühlen des Pulses, der in der Chinesischen Medizin ganz besondere Qualitäten aufweist.

Das primäre therapeutische Ziel ist es, disharmonische Zustände wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wobei insbesondere die fünf zuvor genannten Säulen der Chinesischen Medizin zum Einsatz kommen.

Die Akupunktur ist das wohl bekannteste Therapieverfahren, die primär den Energiefluss in unserem Körper, durch Einwirken auf definierte Punkte des Meridiansystems, beeinflusst. Darüber werden Blockaden gelöst, schädliche Einflüsse ausgeleitet, der Qi-Fluss reguliert und somit ein energetisches Gleichgewicht wiederhergestellt. Die Moxibustion ermöglicht eine punktuelle Erwärmung der Haut in speziellen Bereichen, durch glimmendes Beifußkraut (Artemisia vulgaris), um bewegende Wärme in den Körper zu leiten.

Die Arzneimitteltherapie ist in Deutschland weniger bekannt. Entsprechend der Chinesischen Diagnose wird eine individuelle Rezeptur zusammengestellt, in der Regel mit bis zu 12 chinesischen Kräutern. Hauptsächlich werden pflanzliche, aber auch mineralischen und tierische Bestandteile verwendet, die für eine gewisse Zeit ausgekocht werden. Die Quantifizierung der Einzelkräuter erfolgt nach ihrer Geschmacksrichtung, ihrem Temperaturverhalten und ihrem Funktionskreisbezug. Praktisch bewährt hat sich die individuelle und flexible Anpassungsfähigkeit einer Rezeptur, entsprechend einer Befundsänderung und der Verträglichkeit durch den Patienten. Häufig wird die Arzneimitteltherapie mit der Akupunktur kombiniert.

Die Übergänge der Kräutertherapie zur Diätetik sind fließend. Häufig wird eine Behandlung in China durch diätetische Empfehlungen unterstützt bzw. zunächst einer Behandlung mit Kräutern vorgezogen. So kann bereits die Meidung oder eine gezielte Auswahl bestimmter Nahrungsmittel auf bestimmte Funktionskreise einwirken und einen therapeutischen Erfolg zeigen.

Um mehr über diese drei therapeutischen Bereiche der Chinesischen Medizin zu erfahren, verfolgt gerne unseren Blog! 🙂

Ramona Pick

Die chinesische Kultur

Die Kultur Chinas zählt zu den ältesten Kulturen der Welt. Seit Urzeiten ist das Land als das „Himmliche Reich“ bekannt, als Umschreibung der Koexistenz von göttlichen und sterblichen Wesen. Man spricht von einer „göttlich inspirierten“ Kultur, vor dem Hintergrund des Glaubens, dass den Chinesen in den verschiedenen Dynastien durch das Göttliche eine reichhaltige Kultur überliefert wurde. Die chinesische Kultur zeichnet sich als die Einzige weltweit dadurch aus, dass sie eine durchgängig aufgezeichnete Geschichte von 5000 Jahren besitzt. Wertvolle Hinterlassenschaften sind zahlreiche literarische Klassiker, historische Dokumente und kulturelle Relikte, sowie nationale Aufzeichnungen, die ihren riesigen Entfaltungsbereich widerspiegeln.

Als Begründer der chinesischen Kultur gelten die Urkaiser Chinas, die drei Souveräne bzw. drei Erhabenen der chinesischen Mythologie. Für 18.000 Jahren soll der Himmenssouverän geherrscht haben (天皇, Tiānhuáng), für 11.000 Jahren der Erdsouverän (地皇, Dìhuáng), und für 45.800 Jahre der Menschsouverän (泰皇, Tàihuáng oder 人皇, Rénhuáng), was jedoch historisch nicht nachweisbar ist. Die belegten Anfänge der chinesischen Kultur werden dem Gelben Kaiser (Huáng Dì) vor mehr als 5000 Jahren zugeschrieben, dem große Weisheit nachgesagt wird. Er soll der erste der fünf mythischen Modell-Herrscher gewesen sein, die das Land vor den Dynastien beherrscht haben. Huáng Dì (2674-2575 v.Chr.) folgte Zhuanxu (2490-2413 v.Chr.), (2412-2343 v.Chr.), Yáo (2333-2234 v.Chr.) und Shen (2233-2184 v.Chr.). Die Herrschaftszeiten der Urkaiser galten als das „Golgene Zeitalter Chinas“.

In alten chinesischen Legenden wird von Göttern berichtet, die essentielle Kulturelemente an die Menschheit weitergaben, wie beispielsweise Cangjie die chinesischen Schriftzeichen, Shennong den Ackerbau und Suiren die Nutzung von Feuer. Den Grundbaustein, auf dem die 5000 Jahre alte chinesische Zivilisation gründet, sind die drei Religionen Chinas, der Konfuzianismus, der Buddhismus und der Daoismus, auch bekannt als „die drei Lehren“. Yáo und Shùn sollen die beiden Kaiser gewesen sein, die mit Yu, dem Begründer der Xia-Dynastie, die vorbildlichen Herrscher und moralischen Vorbilder des Konfuzianismus waren. Das daoistische Denken wurde vor ca. 2500 Jahren von dem Weisen Lao Tse in seinem Buch „Dao De Jing“ als Quelle der chinesischen Kultur dargelegt, beschrieben als der „mysteriösen Weg des Universums“ („Tao„).

Der Konfuzianismus entstand 5. Jh. v. Chr. und legt Wert auf moralische Richtlinien, bezogen auf die Staatsführung, die Familie und das Benehmen jedes Einzelnen. Beginnend mit der Han-Dynastie (206–220 n. Chr.), waren die Lehren des Konfuzius (551–479 v. Chr.) richtungsweisende Prinzipien für fast jede chinesische Dynastie.

Der Buddhismus wurde im Jahr 67 n. Chr. aus Indien in die chinesische Kultur eingebracht und angepasst. Der Schwerpunkt lag auf der Meditation und der Errettung des Einzelnen. Die drei Religionen erreichten ihre Höhepunkt während der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.), oft bezeichnet als „Spitze der chinesischen Zivilisation“. Aus der Lehre der Religionen gingen Leitbilder hervor, wie „Mensch und Natur müssen in Einklang sein“, „Respektiere den Himmel, um dein Schicksal zu kennen“, und die fünf Kardinaltugenden — Güte, Aufrichtigkeit, Anständigkeit, Weisheit und Treue (ren yi li zhi xin) — die innerhalb der 5000 Jahre beständig durchgesetzt wurden.

Die Beeinflussung durch andere Kulturen war sehr gering, während China selbst viele asiatische Kulturen entscheidend prägte. Nach der Entstehung der drei Lehren, fand über fast 2000 Jahre kein nennenswerter kultureller Umbruch mehr statt. Erst im 20. Jh. nahm der Kommunismus wieder entscheidenden Einfluss mit der sog. „Kulturrevolution“, ein Kampf gegen die alten kulturellen Werte. Für chinesische Kulturen, die von dieser Revolution weniger betroffen waren, ist das kulturelle Erbe, mit seinen Religionen und Ritualen, weiterhin sehr präsent. Durch die Globalisierung und Chinas zentrale Rolle als Wirtschaftsmacht, prägen heutzutage vermehrt äußere Einflüsse die chinesische Kultur.

Zahlreiche traditionelle, chinesische Kulturgüter wurden bis heute erhalten, dazu gehören die Jahrtausende alten chinesischen Schriftzeichen, aus denen sich andere asiatische Schriften entwickelten, die chinesische Teekultur, die älteste Teekultur der Welt, sowie die Traditionell Chinesische Medizin (TCM) und die chinesischen Kampfkünste Kung Fu und Tai Chi.

Die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und China sind vergleichsweise groß und beginnen schon beim Jahreswechsel. Es ist noch nicht lange her, dass wir hier in Deutschland den Neujahrstag am 1. Januar gefeiert haben. Das neue Jahr in China hat jedoch noch nicht begonnen. Das Neujahrsfest ist der bedeutendste Feiertag in China, der auf einen Kalendertag mit Neumond, zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar nach dem Bauernkalender, fällt. Im 12-Jahres-Zyklus wird jedes Jahr nach einem Tier benannt. Die Chinesen sind ein sehr gemeinschaftliches Volk und feiern derartige Feste gerne in großer Gesellschaft. Das Wohl der Gemeinschaft wird stets über das Wohl des Individuums gestellt („Kollektivismus“). Eine weitere kulturelle Besonderheit ist das große Bewusstsein für gesellschaftliche Hierarchien. Gehorsam und Respekt gegenüber höher gestellten Personen sind sehr bedeutsam in der chinesischen Kultur. Selbstbeherrschung und Höflichkeit haben in China einen sehr hohen Stellenwert. Der chinesische Alltag ist geprägt von ritualisierten Handlungen und Prozessen, legitimiert durch die Tradition und die Ahnen. Den Vorfahren ist Folge zu leisten, sodass dessen Rituale weitergefühlt werden. Ein Beispiel sind die Teezeremonien. Die Menschen in China sind sehr darauf bedacht, den Ruf und die Wertschätzung, die eine Person genießt, nicht zu beschädigen, also „das Gesicht zu wahren“. Ebenso werden starke Emotionen nicht offen gezeigt. Es wird angestrebt Konflikte generell zu vermeiden, um die Harmonie im Umgang miteinander zu wahren. Es ist absolut verpönt, Personen offen zu kritisieren. Die Freizeit nimmt, gegenüber Schule, Studium und Arbeit, eine eher untergeordnete Rolle ein. Die Chinesen sind sehr leistungsorientiert, denn nur gute Leistungen verheißen Erfolg.

Die chinesische Esskultur weist besonders deutliche Unterschiede zu der deutschen auf. So gilt es einerseits in China als sehr unhöflich, sich in der Öffentlichkeit die Nase zu putzen, während rülpsen und schmatzen am Esstisch völlig in Ordnung ist. Des Weiteren sollte man als Gast nie dargebotene Speisen restlos verzehren, dies bringt den chinesischen Gastgeber in Verlegenheit, nicht genügend aufgetischt zu haben. Ein absolutes Tabu ist, die Stäbchen senkrecht in die Reisschüssel zu stecken. In Restaurants sollte man wissen, dass es als unhöflich gilt, Trinkgeld zu geben und Geschenke des Hauses sollten in keinem Fall abgelehnt werden. Wird man privat eingeladen, so gehört ein Gastgeschenk zum guten Ton, jedoch bitte keine Blumen wie in Deutschland, da diese in China mit Trauer assoziiert werden. Themen, die am Esstisch nicht angesprochen werden sollten, sind Politik, Religion und die chinesische Kulturrevolution, Menschenrechte, während Themen rund um die Familie immer ein gutes Gesprächsthema darstellen.

Diese kulturellen Besonderheiten sind den Jahrtausende alten Traditionen Chinas geschuldet und prägen dessen Kultur fortlaufend weiter.

Ramona Pick

Die geschichtlichen Anfänge der Chinesische Kräutertherapie

Shen Nong (神農) – „Divine Farmer“ („Der göttliche Bauer“) 

— Begründer und „Gott“ der Chinesischen Kräutermedizin

Die geschichtlichen Anfänge der chinesischen Kräutertherapie reichen ca. 5000 Jahre zurück, die Zeit in der Shen Nong (2737-2697 v.Chr.) die Geschichte Chinas prägte. Laut der chinesischen Mythologie ist Shen Nong einer der drei Halbgötter und der Urheber der chinesischen Kräutertherapie. Für seinen Beitrag zur Landwirtschaft, Kräuterkunde und Medizin ist er unter zahlreichen Titeln bekannt, u.a. als „Kaiser der fünf Getreide“ und „Gott der Chinesischen Medizin“.

In einer Zeit der Nahrungsknappheit traf Shen Nong das Leid seiner Mitmenschen sehr. Nachdem er einen kranken Mann nicht vor seinem Tod bewahren konnte, tat er alles in seiner Macht stehende, um sein medizinisches Wissen zu erweitern. Im Selbstversuch probierte Shen Nong bis zu 70 Wildpflanzen pro Tag und kategorisierte diese nach Geschmack und potentiell heilenden Eigenschaften. Auf diese Weise klassifizierte er insgesamt 365 Kräuterarten, mit dem Ziel, dessen Wirksamkeit auf den menschlichen Körper zu testen. Die Legende besagt, dass er, neben anderen besonderen Fähigkeiten, einen transparenten Körper gehabt haben soll, sodass er die Wirkung der Kräuter direkt in seinem Inneren beobachten konnte. Ca. 49 Tage lang reiste er in die Berge, um geeignete Heilpflanzen für sein Volk zu finden und stieß auf eine große Auswahl an Pflanzen, Blumen und Kräutern. Unter anderem entdeckte er Früchte, Gemüse und Nutzpflanzen, wie Weizen, Reis, Hirse, Bohnen und Sorghum, die im Volksmund als „Die fünf Körner“ bezeichnet werden und die fünf Hauptgetreide des alten Chinas darstellen.

Zahlreiche, ihm unbekannte Kräuter wiesen jedoch deutliche toxische Effekte auf, die beinahe sein Todesurteil bedeuteten. Durch einen glücklichen Zufall entdeckte er ein Gegenmittel, das gegen alle Gifte wirkte. Dieses wundersame Mittel mit medizinischem Wert nennt sich „chá“ (茶 – Tee). Eines Tages entfachte Shen Nong ein Feuer um Wasser zu kochen, als einige Blätter in den Topf fielen. Shen Nong, der ohnehin alles verkostete, trank einen Schluck des Gebräus, der ihm verhalf, Toxine von allem Schädlichen das er zu verdauen versuchte, abzuwehren. Es half ihm sogar dabei, bis zum reifen Alter von 120 Jahren zu leben. So rief Shen Nong die Teekultur ins Leben, sodass sich aus dem wundersamen Heilmittel Tee im Laufe der Zeit ein alltägliches Getränk entwickelte. Diese wurde durch die Generationen weiter kultiviert und perfektioniert, bis zu der Teetradition, wie wir sie heute kennen.

Shen Nong starb, als er ein “Darm-zerreißendes Gras” (斷腸草 duàn cháng cǎo) probierte, außerstande rechtzeitig sein Gegenmittel zu trinken. Er opferte sein Leben für die Gesundheit der Menschheit und sein umfangreiches Wissen prägt bis heute die Chinesische Medizin.

Über die Zeit entwickelte er ein Verständnis dafür, wie verschiedene Pflanzen wachsen, welche Bodenbedingungen geeignet sind und in welchen Jahreszeiten die Kräuter gedeihen. Ebenso soll er Werkzeuge und Techniken der Landwirtschaft entwickelt und eingeführt und so die Landwirtschaft in China revulotioniert haben. Auch Methoden zur Konservierung, Haltbarmachung und Lagerung von Lebensmitteln sind auf ihn zurückzuführen, so sicherte er die Ernährung seines Volkes. Darüber hinaus grub er Brunnen für landwirtschaftliche Bewässerung und führte den wöchentlichen Bauernmarkt, den chinesischen Kalender und die Erntedankzeremonie ein. Seine gesamten Erkenntnisse lehrte er der chinesischen Gesellschaft. Neben den bisher genannten Errungenschaften in der Landwirtschaft und der chinesischen Kräuterheilkunde, soll er zudem das therapeutische Verständnis weiterer chinesischer Heilmethoden, wie der Pulsdiagnostik, Akupunktur und Moxibustion eingeführt und verfeinert haben.

Tausende von Jahren später stellten Gelehrte der Han-Dynastie ein Buch zusammen, das auf Shen Nongs Untersuchungsergebnissen basierte – „Heilkräuterklassiker nach Shen Nong dem göttlichen Bauern (神農本草經 Shén Nóng Běn Cǎo Jīng)“, das bis in die heutige Zeit ein zentrales Werk der Chinesischen Medizin darstellt. 

Das Shén Nóng Běn Cǎo Jīng (The Divine Farmer´s Materia Medica Classics)

Dieses Werk ist eines der 10 Klassiker der Chinesischen Medizin, das zweitwichtigste Werk neben dem „Huang Di Nei Jing„. Während das Huang Di Nei Jing der zentrale Klassiker der Theorien der Chinesischen Medizin, v.a. von Akupunktur und Moxibustion, darstellt, wird das Shen Nong Ben Cao Jing als der zentrale Klassiker der chinesischen Kräuterlehre angesehen. Diese beiden Werke bilden die Grundlage für die folgende Literatur zu Chinesischer Medizin. 

Die erste Erwähnung des Shen Nong Ben Cao Jing geht auf die Schriften von Tao Hongjing zurück (452-536 CE). Die Erkenntnisse von Shen Nong wurden per mündlicher Überlieferung über Jahrhunderte überliefert und seine Originaltexte wurden von Tao Hongjing in dem genannten Werk niedergeschrieben (veröffentlicht um 500 A.D.).

Das Shen Nong Ben Cao Jing wurde erst in drei Büchern verfasst und später in sieben Bücher erweitert (Ben Cao Jing Ji Zhu). Im Vorwort werden drei verschiedene Bücher erwähnt, verschiedene Versionen des „Shen Nong Ben Cao Jing“, das „Tong Jun Cai Yao Lu“ und das „Lei Kung Yao Dui“. In den frühen Zeiten der Tang-Dynastie integrierte Sun Si Miao lange Teile des Shen Nong Ben Cao Jing in sein eigenes Werk namens „Qian Jin Fang“. Es ist eines der frühsten Ressourcen, dass das Shen Nong Ben Cao Jing wiedergibt. Die bekannteste und wichtigste Wiedergabe ist das „Jing Sei Zheng Lei Bei Ji Ben Cao“ (Tang Shenwei, 1108 CE).

Der medizinische Klassiker „Shen Nong Ben Cao Jing“ (The Divine Farmer´s Materia Media Classic), der vom „Chinese Medical Classics Publishing House in Beijing“, 1982 veröffentlicht wurde, ist die bekannteste heutige Version. Es basiert auf dem „Ben Sao Jing“ von Sao Yuanyu (1987), das am nächsten am Original sein soll. 

Ramona Pick

Die Chinesische Ernährung nach den fünf Elementen

Krankheit vorbeugen und Gesundheit erhalten

Ursprünglich gab es innerhalb der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) einen Bereich, der sich mit Diätetik befasste, ähnlich wie im Ayurveda und in der Tibetischen Heilkunde. Bereits im 11. – 7. Jahrhundert v. Chr. waren die Diätärzte in China sehr angesehen. Mittels ihrer diagnostischen Fähigkeiten gaben sie vor allem Empfehlungen zur Verhütung von Krankheiten. Auch heutzutage hat die Ernährung innerhalb der TCM eine vorbeugende und Gesundheit erhaltende Funktion. Sie dient vor allem auch zum Ausgleich von bioklimatischen Einflüssen wie Wind, Hitze, Feuchtigkeit, Trockenheit und Kälte. Aber auch im Falle einer Erkrankung ist es möglich, mit individuellen Ernährungsempfehlungen den gesamten Organismus und das Meridiansystem im Heilungsgeschehen zu unterstützen.

Im Idealfall ergänzen sich Ernährung, Akupunktur, Massage, Moxa und Qi Gong in ihren Wirkungsweisen. So wird langfristig der Mensch ganzheitlich behandelt, nicht nur seine Symptome. Auch dem emotionalen Bereich wird in dieser Behandlungsweise seine Bedeutung beigemessen, denn Emotionen wie Wut, Begierde, Zweifel, Trauer und Angst bringen den gesamten Organismus aus dem Gleichgewicht und behindern einen freien Energiefluss in den Meridianen.

Der ganze Mensch wird betrachtet, nicht nur seine Symptome

Die Diätetik nach der Chinesischen Medizin basiert auf einer präzisen und sehr differenzierten Anamnese. Anhand der Prinzipien von Yin und Yang, dem System der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser) lassen sich Disharmoniemuster erkennen. Mit Hilfe der Betrachtung und Befragung des Menschen sowie durch Puls- und Zungendiagnostik ist es möglich, ein sehr präzises Bild zusammen zu führen. Auch hier wird der ganze Mensch betrachtet, nicht nur seine offensichtlichen Krankheitszeichen.

Erfahrungsgemäß gibt es verschiedene Tendenzen wie z.B. Energiemangel, Energieblockaden, Mangel an Wärme oder einen Hitzeüberschuss, Trockenheit oder eine Fülle an Flüssigkeiten im Körper, sowie Erschöpfung der Körpersubstanzen oder Ablagerungen im Körper, um nur einige Grundmuster anzudeuten. Neben diesen grundlegenden Tendenzen gibt es mehr als 50 differenzierte Bilder in Bezug auf die Elemente und den entsprechenden Organen und Funktionskreisen. In der Regel wird in einer Anamnese Bezug zu mehreren dieser Möglichkeiten gefunden und dementsprechend erhält auch jeder Mensch sehr individuelle Empfehlungen, die für einen gewissen Zeitraum gelten, bis das innere Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

Da heutzutage viele Menschen in Resonanz zu krankmachender Ernährung stehen, woraus sich ernährungsbedingte Krankheiten entwickeln, ist die Ernährung nach den fünf Elementen sehr hilfreich. Ein Verständnis der fünf Elemente kann leicht erlangt werden, und so öffnet diese Art der Ernährung Tore zu einem sehr alten Wissensschatz.

Im wesentlichen geht es darum, die Wirkungsweisen der Geschmacksrichtungen „süß, scharf, salzig, sauer und bitter“ zu verstehen und diese im Alltag sinnvoll anzuwenden. Von großer Bedeutung ist auch die thermische Qualität der Speisen und Getränke. Bei wechselnden Jahreszeiten oder je nach Konstitution (Kälte- oder Wärmetypus) ist dieses Wissen von großem Nutzen.

Der moderne Mensch hat heutzutage den Bezug zur Natur und häufig zur gesamten Schöpfung verloren. Irritiert durch ein Überangebot billiger, industriell hergestellter Kost wird zwar gegessen, aber Leib und Seele werden nicht genährt. Die Verbindung zur Quelle unserer Nahrung ist unterbrochen und damit auch Gefühle wie Zufriedenheit, Dankbarkeit und Freude beim Einkaufen, Zubereiten und Genießen des Essens. Die Ernährung nach den fünf Elementen ist daher eine Chance, aus dem alten Trott herauszutreten und wieder mit Achtsamkeit und im Hinblick auf eine ausgleichende, gesundheitsfördernde Weise zu essen.

Die Wirkungsweisen der Geschmacksrichtungen

Der Schlüssel zur Klassifizierung von Nahrungsmitteln ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), ebenso im Ayurveda und in der Tibetischen Heilkunde, ihr Geschmack. Im Mittelalter war im westlichen Kulturkreis auch das Wissen um die Wirkeigenschaften der Geschmäcker auf den menschlichen Organismus bekannt. Innerhalb der TCM werden die fünf (sieben) Geschmacksrichtungen den Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet. Sauer und adstringierend entsprechen demnach dem Element Holz, bitter dem Feuer, süß und fade der Erde, scharf dem Metall und salzig dem Wasser. Dies sagt allerdings sehr wenig über ihre vielfältigen Wirkungen auf die Organe aus. Für die Anamnese ist es jedoch wichtig im Bezug auf das Verlangen oder Bevorzugen eines Geschmacks. Wenn ein Kind ständig Süßes verlangt, deutet dies auf einen Mangelzustand im Element Erde, in der Milz. Gleichzeitig gibt dies eine Warnung vor allzu vielen Süßigkeiten und Naschereien. Das Qi der Milz sollte in dem Fall langfristig durch die milde, natürliche Süße von Getreide, Gemüse und Obst tonisiert werden. Die Abneigung gegen einen bestimmtem Geschmack kann auf einen Zustand der Fülle in dem zugehörigen Element hindeuten. Dies kann manchmal als besonderer Geschmack im Mund wahrgenommen werden.

Das harmonische Zusammenspiel aller Organe wird wesentlich durch die verschiedenen Geschmäcker beeinflusst. Bereits in klassischen Texten werden diese mit Qi-regulierenden, tonisierenden und harmonisierenden Eigenschaften beschrieben. Ihre Wirkungsweisen zu verstehen, zu empfinden und in den täglichen Mahlzeiten zum Ausdruck zu bringen ist von immenser Bedeutung, um erwünschte therapeutische Resultate zu erzielen. Überwiegt z. B. der saure Geschmack, sodass Holz übermächtig wird, kann Erde angegriffen werden mit dem Ergebnis von Muskelproblemen. Die fünf Verbote dazu aus dem Nei Jing, einem Klassiker der TCM, heißen: „Bei Lebererkrankungen ist Scharfes verboten, bei Herzerkrankungen ist Salziges verboten. bei Milzerkrankungen ist Saures verboten, bei Nierenerkrankungen ist Süßes verboten und bei Lungenkrankheiten soll Bitteres vermieden werden.“

Yin- und Yang-Eigenschaften der Geschmäcker

Die Geschmäcker unterscheiden sich energetisch gesehen nach ihren Bewegungs- und Energierichtungen. Ein Geschmack hat Yin-Eigenschaften, wenn seine Bewegungsrichtung nach unten und seine Energierichtung nach innen geht. Dies ist bei sauer/adstringierend, bitter und salzig in Verbindung mit Flüssigkeit der Fall (z.B. Mineralwasser). Süß, scharf und salzig im trockenen Zustand besitzen Yang-Eigenschaften, da ihre Bewegungsrichtung nach oben und ihre Energierichtung nach außen geht. Diese Eigenschaften lassen sich leicht nachvollziehen. Denken wir dabei z. B. an die zusammenziehende Eigenschaft einer Zitrone (sauer) oder an die verteilende Kraft einer Zwiebel oder Ingwerknolle (scharf). Durch die Zubereitung von Nahrungsmitteln, insbesondere durch die Verwendung des Feuers beim Kochen kann sich der Geschmack verändern, wobei jedoch seine Grundeigenschaften erhalten bleiben. In der Regel wird durch den sinnvollen Gebrauch des Feuers beim Kochen der Geschmack optimiert und er gewinnt an Intensität. Als Beispiel nenne ich gerne die Zwiebel, welche von Natur aus scharf ist. Roh gegessen kann sie das Feuer des Magens zu sehr anregen und zu Aufstoßen führen. Durch Dünsten oder schonendes Anbraten wird die Schärfe der Zwiebel hin zum Süßen transformiert, während sie ihre natürlichen Eigenschaften, die wärmend und verteilend sind, beibehält. Wir kennen alle die wohlschmeckende süß-wärmende Qualität einer sorgfältig geköchelten Zwiebelsuppe im Winter.

Die Anwendung der Geschmacksrichtungen

Alle Organe, insbesondere die Milz benötigen alle fünf Geschmäcker um optimal versorgt zu sein. Im Funktionskreis Milz werden die Geschmacksrichtungen erkannt. Deshalb werden der Mund, wo die Geschmackswahrnehmung stattfindet, und die Lippen, als seine äußere Entfaltung, dem Element Erde zugeordnet. Von der Milz aus werden die Geschmäcker an die einzelnen Speicherorgane, Leber, Herz, Lunge und Nieren, verteilt und dort als Essenz gespeichert.

Es ist optimal, wenn in einer Speise oder einer Mahlzeit alle Fünf Geschmäcker vorkommen. Sie haben folgende Eigenschaften und Wirkkräfte: Das Süße tonisiert, baut körpereigenes Qi auf und bringt es in Bewegung. Außerdem harmonisiert und entspannt es. Es ist für jeden Menschen, ganz besonders für Kinder und Jugendliche, die sich im Wachstum befinden, der wichtigste Geschmack. Schärfe wirkt verteilend und öffnet die Hautporen. Daher ist scharf der wichtigste Geschmack um sich gegen Kälte zu schützen. Ein warmer Yogitee aus einer Gewürzmischung, die wärmt und für das leichte Öffnen der Hautporen sorgt, vertreibt eine beginnende Erkältung. Die berühmte heiße Zitrone bewirkt hier das Gegenteil. Der saure Geschmack hält die Kälte im Körperinneren fest. Scharfes fördert außerdem die Durchblutung und regt die Funktionen von Herz und Kreislauf an. Milz und Magen werden durch Scharfes erwärmt. Das Salzige trocknet aus oder befeuchtet, je nach Zustand, trocken als Salz oder feucht in Verbindung mit Flüssigkeit. Als Glaubersalz leitet es nach unten hin aus. Es reguliert das Säure-Base-Verhältnis und in Form von Meeresgemüse wird es zum Erweichen von Stagnationen und Ablagerungen benutzt. Das Saure/Adstringierende bewahrt die Körpersäfte, indem es vor übermäßigem Schwitzen schützt. Um die Essenz der Nieren zu bewahren und die Knochen zu schützen ist es der wichtigste Geschmack.

Die Geschmäcker werden in der Kräuter- und Ernährungstherapie auch als Botschafter oder Vermittler eingesetzt. Sie befördern die Heilwirkung eines Krautes oder Nahrungsmittels durch Meridiane zu Organen oder Körperteilen. Kräuter in Essig eingelegt erreichen beispielsweise die Leber. Im Nei Jing ist zu lesen: „Der saure Geschmack geht zuerst in die Leber, das Bittere geht zuerst zum Herzen, das Süße reist zuerst zur Milz, das Scharfe geht zuerst zur Lunge und das Salzige geht zuerst zur Niere.“

Martha Heinen