Gu ya / Dao ya

Fructus Oryzae Germinatus — gekeimter Reis / Reissprossen 

Die Reissprossen gehören zu den chinesischen Kräutern, die Nahrungsmittelstagnationen lösen. Gu ya hat einen süß-neutralen bis warmen Charakter und wirkt auf Milz und Magen. Reissprossen haben eine besondere Wirkung auf das Verdauungssystem, indem sie die Verdauung fördern und Nahrungsmittelstagnationen reduzieren. Sie öffnen den Magen, harmonisieren die Mitte und stärken und senken gleichzeitig das Qi. Auch die Milz wird gestärkt und gekräftigt, sodass eine Appetit-anregende Wirkung generiert wird. 

Gu ya wirkt deutlich sanfter als Mai ya (Gerstensprossen).

Stillende Mütter sollten mit dem Verzehr dieser Sprossen vorsichtig sein, da beide Arzneien — Gu ya und Mai ya — in der Lage sind die Milchproduktion zu hemmen. 

Nou dao gen

Radix oryzae glutinosae  — Reiswurzeln

Die Reiswurzel hat eine stabilisierende und bewahrende Wirkung. Sie hat einen süß-neutralen Charakter und wirkt auf Nieren, Leber, Lungen und Herz. Der therapeutische Einsatz von Reiswurzeln bezieht sich auf den adstringierenden Charakter, der starkes Schwitzen, bedingt durch eine Schwäche an Qi oder Yin, stoppt oder vermindert. Bei leichtem / niedrigem Fieber — ebenfalls bedingt durch eine Schwäche an Qi oder Yin — senkt es die Körpertemperatur.

Nuo mi

Fructus Oryzae sativa L. — Klebriger glutunfreier Reis (Klebereis)

Der Klebereis ist nicht nur im asiatischen Raum, sondern auch hier im Westen mittlerweile hinreichend bekannt. Er weist ein süß-wärmendes Temperaturverhalten auf und wirkt auf den Funktionskreis von Lunge, Milz und Magen, sowie auf den gesamten mittleren Erwärmer. Im therapeutischen Einsatz erwärmt und stärkt Nuo mi die Mitte (den mittleren Jiao) und tonisiert das Qi von Milz, Magen und Lunge. Der wärmende und stärkende Charakter wirkt stoppend, festigend und bewahrend auf den Stuhlgang und den Urin, sowie bei übermäßigem Schwitzen. Aufgrund dessen findet der Klebereis oft Anwendung bei Müdigkeit, Verdauungsschwäche, Erschöpfung, profusem Schwitzen, chronischen Durchfällen, Appetitlosigkeit, Polyurie oder Rückenschmerzen. 

Kontraindiziert ist dessen Einsatz bei Feuchtigkeit und Schleim, da der Verzehr zu großer Mengen Verdauungsstörungen begünstigen könnte. 

Xian mi

Fructus Oryzae sativa — Langkornreis 

Im Gegensatz zu Nuo mi (Klebereis) und Geng mi (Rundkornreis), hat Xian mi (Langkornreis) keine klebrigen Eigenschaften, jedoch eine enorme Quellfähigkeit. Er gehört ebenfalls der Kategorie der Qi-stärkenden Kräuter an und kräftigt darüber hinaus das Yang. Xian mi hat einen süß-wärmend Charakter und kräftigt und erwärmt somit insbesondere das Qi von Magen und Milz und transformiert Feuchtigkeit. Bedingt durch diese Wirkung wird er gerne bei Durchfall eingesetzt. Der wärmende Charakter sollte mit Vorsicht genossen werden, da dieser leicht Hitze im Körper bedingen könnte. Therapeutisch wird daher lieber Geng mi (Rundkornreis) eingesetzt, da er eher neutraler und damit ausgeglichener ist. 

Geng mi / Jing mi / Da mi

Fructus Oryzae sativa japonika — weißer Rundkornreis

Ähnlich wie Nuo mi (Klebereis), hat Geng mi (Rundkornreis) klebrige Eigenschaften, jedoch eine geringere Quellfähigkeit. Er gehört der Kategorie der Qi-stärkenden Kräuter an. Das Qi wird gestärkt durch den süß-neutralen Charakter, der besonders auf Milz und Magen wirkt. Er tonisiert und kräftigt das Qi von Lungen, Darm, Milz und Magen. Darüber wird die Mitte gestärkt und stabilisiert, sowie der Magen reguliert und harmonisiert. Bei der Verwendung harsch wirkender Kräutern wird er gerne in Kombination als Ausgleich eingesetzt, um den Magen vor dessen Wirkung zu schützen. 

Sein nährender und stärkender Charakter wird oft bei Kraftlosigkeit, Verdauungsschwäche, Durchfall, täglichem Schwitzen, Urinverhalten, morgendlicher Übelkeit und mangelndem Appetit genutzt. Bei Magen-Jin ye/Yin-Mangel wirkt er beruhigend, nährt die Jin ye und stoppt Durst. 

„Die fünf Körner“ – Nummer 1: Reis

Die fünf Hauptgetreide des alten Chinas

Reis, Weizen, Hirse Sorghum und Bohnen —

Reis — westlich und chinesisch 

Reis gilt als eine der ältesten und wichtigsten Nutzpflanzen der Erde. Bereits vor 10.000 Jahren wurde der asiatische Reis (Oryza sativa), Funden zufolge, in China kultiviert. Reis zählt zu den Süßgräsern, mit insgesamt 19 Arten, wovon allerdings nur zwei der Erzeugung des Lebensmittels „Reis“ dienen — neben dem Oryza sativa (asiatischer Reis) auch der Oryza glaberrima (afrikanischer Reis). In Asien wird mehr als 95 % des Ertrages erbracht. Mehr als 120.000 Reissorten — sei es Lang-, Mittel- oder Rundkornreis — bieten eine große kulinarische Vielfalt. In den asiatischen Ländern hat Reis eine Jahrtausende alte Tradition und spielt eine zentrale Rolle im kulturellen und religiösen Leben, als ein Symbol für Glück, Fruchtbarkeit und Leben.

Die heilende Wirkung von Reis in der TCM

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) werden Reiskörner als ein Heilmittel bei zahlreichen Beschwerden eingesetzt, beispielsweise um die Verdauung zu regulieren, das Qi von Milz und Magen zu kräftigen, das gesamte Verdauungssystem zu harmonisieren, sowie den Appetit zu normalisieren. 

Interessant und wichtig zu wissen ist, dass der medizinisch genutzte Reis sich vom Nahrungsmittel-Reis durch den Zeitpunkt der Ernte unterscheidet. Der bis Juni geerntete Reis wird als Nahrungsmittel genutzt, während der medizinisch genutzte Reis deutlich später, nach Oktober, erst geerntet wird. Entsprechend der kühleren Jahreszeit wirkt dieser Reis eher kühlend auf den Organismus, ebenso wir der Reis aus dem Norden. 

Im Hinblick einer medizinischen Wirkung wird nicht nur das Reiskorn, sondern auch andere Teile der Reispflanze verwendet — Wurzeln, Sprossen, Blüten, Spelze, Stängel, Asche der Stengel und Stroh — die ganz unterschiedliche Wirkungen haben. 

Von therapeutischer Wichtigkeit sind folgende „Kräuter“:

geng mi / jing mi / da mi weißer Rundkornreis

xian mi Langkornreis

nuo mi klebriger glutunfreier Reis (Klebereis)

nuo dao gen / qu Reiswurzeln 

gu ya / dao yao gekeimter Reis 

hong qu rot fermentierter Reis

Allgemein hat in der TCM die Reissuppe eine feste Tradition als universelles Heilmittel bei den unterschiedlichsten Erkrankungen, wie Magen-Darm-Erkrankungen, Allergien und Nierenschwäche. Buddhas Worte sollen gewesen sein: „Die Reissuppe schenkt Leben und Schönheit, Wohlgefühl und Kraft, vertreibt Hunger, Durst und Wind, reinigt Blase und Nieren und stärkt die Verdauung…“

Sie wirkt sowohl stärkend, als auch heilend und vorbeugend. Daher wird sie in China traditionell als Frühstück gegessen. Ebenso dient sie der Entgiftung und Entwässerung, wie beispielsweise bei einer Fastenkur. Sie stellt immer eine wichtige Komponente in der Schonkost dar. Als Heilmittel kann sie mit passendem Gemüse, Heilkräutern und Gewürzen kombiniert werden. Je länger die Reissuppe köchelt, desto mehr stärkt sie das Qi.

Gerd Wiesemann, Ramona Pick

Tuina / Anmo — Die manuellen Techiken der Chinesischen Medizin

Die chinesische Massage (CMM)

Wir kennen alle nur zu gut die gezielten, wohltuenden Berührungen von Massagen, sei es eine Wellness- oder eine medizinische Massage, eine schwedische – oder eine klassische Massage oder gar eine Thaimassage. 

Die asiatischen Behandlungsmethoden – Shiatsu, Akupressur, die energetischen Striche der Aku-Punkt-Massage (APM), sowie das „Strömen“ aus dem Jin Chin Jitsu – basierend auf den Prinzipien der Chinesischen Medizin (CM), leiten sich alle von den Techniken oder Verfahren der CM und den manuellen Techniken der CM ab.

Shiatsu, ähnlich der Akupressur, stammt aus der japanischen Medizin (Kampo = han fa = chinesische Methode) und heißt übersetzt „Fingerdruck“. Akupressur ist der Druck, der auf bestimmte Akupunkturpunkte ausgeübt wird. Bei diesen Methoden steht die Stimulierung der Akupunkturpunkte im Vordergrund. 

Diese Technik des Drückens oder Pressens ist eine der 20 Grundtechniken der chinesischen Massage (CMM; Tuina / Anmo).  Die genannte Manipulation des Drückens oder Pressens heißt auf Chinesisch An fa (An = Druck, fa = Methode). 

Das energetische Streichen über die Leitbahnen, oder das „Meridian-Ziehen“ der APM-Methode, unter Zuhilfenahme des APM-Stifts, ähnelt einer Kombination der Massagetechniken des Schiebens (Tui fa) und des Schabens (Gua fa).

Tuina / Anmo ist mehr als nur Massage und mehr als nur An fa (drücken) und Tui fa („ziehen“) auf den Leitbahnen. Anmo könnte mit Massage übersetzt werden, während Tuina neben den Massagetechniken, Manipulationen, chiropraktische und osteopatische Techniken in sich vereint. 

Massagen, oder andere manuelle Behandlungsformen, sind in allen Kulturen der Erde zu finden. Es ist eine unserer ersten Reaktionen, eine verletzte Stelle oder ein schmerzhaftes Areal, zu reiben, zu drücken oder zu streichen. Die Besonderheit der Tuina-Therapie liegt darin, dass sie einerseits alle manuellen Techniken vereint, ohne zwischen Massieren, Einreiben, Manipulieren und Reponieren zu trennen, andererseits stützt sie sich auf ein Jahrtausende altes System der Betrachtung und Erkennung von Krankheit und Gesundheit.

Die Grundlagen der manuellen CM basiert sowohl auf dem ganzheitlichen chinesischen Denken, als auch auf der Grundlagentheorie der CM (die Theorie der Meridiane und Akupunkturpunkten, energetische Physiologie und Pathologie und energetischen Diagnose, bestehend aus Zungendiagnose, Gesichtsdiagnose, Diagnose durch Hören und Riechen, einer speziellen Anamnese und der Palpitation, insbesondere der Pulse).

Ähnlich der Akupunktur können unter Anderem spezielle Punkte stimuliert werden, um den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So kann die Tuina-Behandlung gerade bei orthopädischen Erkrankungen oft erfolgreicher sein, als Akupunktur oder zumindest das „Nadeln“ ergänzend, um Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke zu entspannen und zu lockern. Gelenkblockierungen oder Fehlstellungen können wieder durch Manipulierungen im Sinne der manuellen Medizin oder der Chiropraktik korrigiert oder reponiert werden. 

Dabei sind nicht nur die genannten anatomischen Strukturen wichtig, sondern die Energiegefäße oder Leitbahnen (jing luo), insbesondere die sogenannten Tendinomuskulären-Leitbahnen werden dabei behandelt (aber auch die Bereiche außerhalb der Leitbahnen), um Blut und Energiestagnationen zu lösen, den Qi- (Energie-) und Blut-Fluss zu fördern, die Gefäße durchgängig zu machen (tong jing luo), um Schmerzen zu lindern und die innere Harmonie wieder herzustellen. 

Daher ist die CMM besonders zur Behandlung von Schmerzen und Dysfunktionen des aktiven und passiven Bewegungsapparates geeignet, sowie zur Behandlung des myofaszialen Schmerzsyndroms. 

Ähnlich der Akupunktur, sollte die Tuina-Behandlung nicht auf dieses Krankheitsgeschehen reduziert werden. Ihr Einfluss auf viszerale Funktionen oder auf die mentale und psychische Ebene ist hervorzuheben. Dies ist nicht nur durch die Theorie der CM zu erklären, sondern ebenfalls über die neurophysiologischen kutiviszeralen Reflexe, sowie durch die uns bekannten heilsamen Berührungen, die einen abschalten lassen, um im Sinne des „Wellness“ Trends, Körper, Geist und Seele zu vereinen.

Kinder-Tuina

Eine spezielle Tuina-Behandlung wurde für Kinder entwickelt. Sie kann sowohl bei Erkältungskrankheiten und Lungen- und Bronchialerkrankungen eingesetzt werden, als auch bei Erkrankungen des Verdauungs- und Urogenitaltraktes, sowie bei Schlafstörungen.

Es gibt im Tuina über 20 verschiedene Grundtechniken.

Sie werden unterteilt in sogenannte:

  • schwingende Techniken (bai dong)
  • reibende, „scheuernde“, oder streichende Techniken (mo ca)
  • pressende oder drückende Techniken (ji ya)
  • vibrierende Techniken (zhen dong
  • klopfende Techniken (kou ji
  • manipulierende oder bewegende Techniken (yun dong guang jie)

Zu den Schwingenden Techniken gehört:

das Rollen (gun fa) und das Kneten (rou fa)

Zu den Reibenden Verfahren gehören:

das Schieben (tui fa), kreisendes Reiben (mo fa), das Quirllen (cuo fa) etc.

Zu den Techniken des Pressens und Drückens gehören:

das Drücken (Shiatsu/Akupressur) (an fa), Greifend (na fa), Kneifen (dian fa) etc.

Zu den Techniken des Vibrierens gehören:

das Vibrieren (zhen fa) und Schütteln (dou fa).

Techniken des Klopfens sind:

das Klatschen (pei fa) und Klopfen (kou fa)

Manipulierende Techniken sind:

das Gelenkeziehen, Dehnen (ba shen fa), Gelenkerotieren (yao fa) etc.

Weitere manuelle Behandlungsmethoden:

Zu den Behandlungsmethoden An mo (Massage) Tui na (Chiropraktik/Osteopathie) müssen auch die folgenden Methoden gezählt werden:

  • Li liao (Naturbehandlungen),ein der Physiotherapie ähnliches Fachgebiet, mit Einreibungen, Wasser- Badanwendungen, etc. 
  • Gu shang ke (Wund- und Frakturbehandlungen) (gu = Knochen, shang = Wunden, ke = Fachgebiet) 

Die Wirkung von Tuina / Anmo, nach Kriterien der Chinesischer Medizin, sind wie folgt:

  • Öffnet die Leitbahnen / Meridiane, aktiviert die Gefäße und löst Stagnationen
  • erwärmt die Meridiane und öffnet die Kollateralen
  • Lindert Schmerzen und Krämpfe
  • Bewegt das Qi und ermöglicht dessen freien Fluss
  • Zirkuliert, aktiviert und befreit das Blut 
  • Öffnet die Oberfläche und vertreibt äußere pathogene Faktoren, wie Wind und Kälte
  • Klärt und befreit die Sinnesöffnungen
  • Entspannt Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke
  • Mobilisiert die Gelenken und verbessert die Beweglichkeit
  • Reguliert Yin und Yang (Kälte und Hitze, Fülle und Leere)
  • Kräftigt die vitalen Energien
  • Stärkt und tonisiert die Energie der Funktionskreise Niere und Leber, zur Stärkung der Knochen, Sehnen und Gelenke
  • Stärkt und tonisiert Milz und Magen, zur Stärkung der Verdauung und Beseitigung von Nahrungsmittelstagnation
  • Stärkt Herz, Kreislauf und Lunge und verbessert den allgemeinen Zustand
  • Hilfreich bei stressbedingten Störungen
  • Wirkt beruhigend und regulierend auf den Geist (shen)
  • Als prophylaktische Maßnahme zur Aufrechterhaltung des Gesundheitszustandes

Gerd Wiesemann

TCM – Traditionelle Chinesische Medizin

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist ein System, das vom Lehrer zum Schüler weitervermittelt wird und das seit mehr als 4000 Jahren in seinen Grundzügen unverändert geblieben ist, ganz im Gegensatz zu unserem mechanisch/technisch geprägten und naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizinsystem der Moderne. Was heute an den Universitäten gelehrt wird, kann morgen schon alt und überholt oder gar falsch sein.

Die Grundlage der TCM bildet ein eigenständiges, in sich geschlossenes System der „Zuordnungen“ (Yin & Yang, fünf Wandlungsphasen, das Meridiansystem, usw.), basierend auf Jahrtausende alten Erfahrungen, aber auch moderne, wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht ausgeschlossen.

NichtQuantität (quantifizieren) steht im Vordergrund, sondern Qualität. 
Nichtisolierte Organe und Organfunktionen, sondern vernetzte Organfunktionsabläufe. 
NichtMessung, sondern Erspüren.
NichtLaborwerte, sondern Lebensqualität.
Nichtbildgebende Verfahren, sondern energetisches „Erfühlen“. 

Der TCM-Arzt kann mit seinen Methoden Störungen im Organfunktions- oder Organkreissystem feststellen und die eigentlichen Ursachen dafür herausfinden. Dabei können diese Störungen im westlichen Sinn (schulmedizinisch definiert) unterschiedliche Krankheitsbilder darstellen oder Krankheitsnamen tragen.

So kann sich eine Störung im Organkreis Leber (die als TCM-Diagnose Energieblockierung der Leber, Leber-Yang-Fülle oder Leber-Feuchte-Hitze genannt wird), symptomatisch oder als westliches Krankheitsbild, folgendermaßen darstellen: intolerante(s), verbohrte(s), eingeengte(s) Verhalten oder Sichtweise, Zornausbrüche, Gereiztheit, Eifersucht, Schlafstörungen oder vermehrtes oder vermindertes Träumen, Nachtwandeln, Kopfschmerzen, Schwindel, Muskelverspannungen, -verkrampfungen, Sehstörungen, Tinnitus, Hörsturz, Sinusitis, Nasenbluten, generelle Blutungen, Augen- und Sehnerventzündungen, Entzündungen im Genitalbereich, Apoplexie, Schmerzen im Hypochondium, Leberentzündungen, Leberzirrhose, Lebertumor, Gehirntumor und vieles mehr.

In der TCM werden also Symptome schon als Krankheiten angesehen, lange bevor sich schulmedizinisch gesehen irgendetwas im Sinne von Krankheit manifestiert hat, oder nachzuweisen ist. 

Wie kann nun in der TCM diagnostiziert werden, wie ein Problem erkannt werden? 
Dazu benutzt der TCM-Arzt seine fünf Sinne, indem der/die PatientIn durch visuelle Diagnose betrachtet wird, durch Hören der Körpergeräusche und Riechen des Körpergeruches. Mittels anamnestischer Fragen erfährt er die subjektiven Empfindungen/Probleme des/der PatientIn und durch das Betasten des Körpers (z.B. Pulsdiagnose) wird die Diagnose abgeschlossen. Diese Informationen werden verschiedenen Zuordnungssystemen zugeordnet, die das Grundgerüst der TCM bilden.

Yin und Yang 

Nehmen wir das Beispiel von Yin und Yang. Yin und Yang bildet die Basis des chinesischen Denkens und damit die Basis der TCM. Yin und yang, das ungleiche Paar und dualistische Prinzip, beschreibt die Welt, beschreibt das, was existiert und das, was „nicht existiert“, das Begreifbare ebenso wie das Unbegreifbare. 
Yinsteht für das Materielle, das Substantielle und das, was wir anfassen, also begreifen können, das, was sichtbar, messbar und erklärbar ist. 
Yangsteht für das Immaterielle, das Substanzlose und das, was wir nicht sehen, nicht fassen und damit auch nicht erklären können, das Energetische, das „Lichte“, das Unergründbare. Yin und Yang sind die gegensätzlichen Kräfte, durch die wir uns erkennen. 

Yin und Yang sind beide Kinder des „Einen“, der „Einheit“, der „Ganzheit“. Diese Einheit/Ganzheit ist das Ursprüngliche, der grenzenlose Raum (wie es im Buddhismus beschrieben wird), in dem kein Zentrum und keine Peripherie existieren, wo es kein gestern und kein morgen gibt, ein „Zustand (Nichtzustand)“ ohne Raum und Zeit. Ein Zustand der Leere, der gleichzeitig kein „Nichts“ ist, Leere, die doch alles hervorbringt. Dieser Zustand bzw. „Nichtzustand“ ist mit Worten also nicht zu erklären und gebiert alles: den Kosmos, das Leben und die Existenzen, die sich in Yin und Yang ausdrücken.

Erkenntnisse können wir nur erlangen, indem wir die Gegensätzlichkeit erfahren. Wir erleben die Welt erst durch die Auseinandersetzung mit unserem Gegenüber, durch das was außerhalb von uns ist. Erst durch die Betrachtung von außen bzw. durch die Existenz der Gegensätze und durch den Wechsel zwischen Yin und Yang entsteht die Welt, das Universum und alles was darin existiert und nicht existiert.

Der Tag könnte nicht ohne die Nacht existieren, das Böse nicht ohne das Gute, oben nicht ohne unten, Kälte nicht ohne Wärme, rechts nicht ohne links. Das ist Leben, das macht das Leben aus, es ist ein Pulsieren zwischen Systole und Diastole.

Das Prinzip von Yin und Yang ist nicht nur dem chinesischen Denken eigen. Alle Kulturen kennen dieses gegensätzliche Paar. Auch hier im Westen, im modernen Zeitalter, sehen wir diese Symbolik, beispielsweise im Heroldstab, im Äskulapstab, dem Symbol der Ärzte und Apotheker: Die beiden Schlangen, die einen Stab umwinden, weil sie die Gegensätzlichkeit vereinen und überwinden wollen. Die beiden Schlangen, die die Einheit verlassen, um wieder in die Einheit zurückzukehren, jedoch um die Erfahrung des Lebens reicher. Die beiden Schlangen, die aus der „Leere“, dem Paradies, geboren werden, das Leben überwinden und wieder zurückkehren in die Leere, in den Himmel. Das Leben meistern heißt, die Erfahrungen, die Eindrücke, die Ansammlungen, die wir durch den Wechsel von Yin und Yang erleben durften, wieder loszulassen. Denn nur „wenn ihr werdet wie die Kinder, könnt ihr ins Himmelreich einkehren“. Erst wenn wir unsere Unschuld wiederfinden, „leer“ werden wie am Anfang, dann haben wir Yin und Yang überwunden.

Krankheit und Gesundheit 

Krankheit und Gesundheit sind weitere Begriffe, die man Yin und Yang zuordnen kann, so wie Aktivität und Ruhe, Kraft und Schwäche, sowie energiegeladen, lebendig und kraftvoll auf der einen Seite und kraftlos, erschöpft und müde auf der anderen Seite.

Gesundheit ist ein harmonischer Zustand zwischen Yin und Yang, Krankheit ein Ungleichgewicht der Harmonie. In der TCM versucht man dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, bzw. bei Krankheit die Harmonie wiederherzustellen. Dies geschieht durch richtige Therapie, in der man z.B. bei Schwäche stärkt und bei Fülle eliminiert, bei Kälte wärmt und bei Hitze kühlt. Daher werden die einzelnen Therapiemethoden ebenfalls nach Yin und Yang eingeteilt. Pflanzen, Kräuter und Nahrung werden unterschieden und entsprechend Yin und Yang klassifiziert. Nichts ist dabei wirklich schlecht oder besonders gut. Es ist wertfrei, denn auch scheinbar „Schlechtes“ kann heilen und scheinbar „Gutes“ kann töten.

Die Fünf-Elemente-Lehre (Holz, Feuer, Erde, Metall & Wasser) ist eine Erweiterung der Yin-Yang-Theorie und auch das Prinzip der Dreiteilung und Vierteilung ist nichts als eine Verfeinerung, oder Spezialisierung des dualen Denkens. Diese theoretischen Grundlagen bilden die Säulen der TCM, sowohl für die Akupunktur und Moxibustion, als auch für Tuina/Anmo (physiotherapeutischen Methoden), Kräuterheilkunde und Diätetik. 

Die Geschichte der Akupunktur — Teil 5

Die Entwicklung der Akupunktur außerhalb von China

Außerhalb von China gelangte, ca. 600 n. Chr., die Akupunktur und die TCM über Korea nach Japan. Der Mönch Zhi Congbrachte Bücher aus China mit nach Japan. 

Durch Marco Polowurden erste Berichte im 14. Jahrtausend n. Chr. auch im Abendland bekannt. Erst im 17. Jahrtausend veröffentlichte der holländische Arzt, Jakob de Bondt,ein Werk über die Naturgeschichte und Medizin Ostasiens. Auch Wilhelm Ten Rhyne (1683) und Andreas Cleyer (1686) schrieben über Akupunktur.

Danach erst gibt es erste Berichte darüber, dass Akupunktur auch hier in Europa bekannt wurde, zum Beispiel durch den Arzt Engelhard Kämpfer. Weitere Berichte gibt es durch Berlioz und Churchill, sowie von Darby, der ersten Übersetzungen der Akupunktur-Klassiker lieferte. Dann wurde es zunächst still um die Akupunktur, bis Solie de Morant der Akupunktur zu neuem Glanz verhalf („Die französische Schule“).

Weitere bekannte Namen, die der Akupunktur in Europa zu neuen Ehren half, sind:

De la Fuye, Chamfrault und dann der in Frankreich lebende Vietnamese Nguyen van Nghi, während sich im deutschsprachigen Raum besonders Heribert Schmidt, Gerhard Bachmann, Erich Stiefvater und später Manfred Porkert für die Akupunktur und TCM einsetzten.

In Amerika und Kanada waren es vor allem die Auslandschinesen, die die Verbreitung der TCM förderten, doch nachdem China seit den 80er Jahren die Türen für die Ausländer öffnete, wurde ein ganz neues Zeitalter der TCM im Westen vor allem in Bezug auf die Kräutertherapie eingeläutet. Heute reisen zahlreiche TCM-Studenten in das Reich der Mitte, um direkt an den Wurzeln der TCM zu lernen.

Literaturhinweis:

H.- J. Arnold               Geschichte der Akupunktur in Deutschland

Die Geschichte der Akupunktur — Teil 4

Hat sich bis zu diesem Zeitpunkt der Ming-Dynastie die Akupunktur stetig weiterentwickelt, entstand unter der feudalen Herrschaft der Qing-Dynastie und dem Kolonialismus eine Stagnation. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die westliche Medizin eingeführt und die Akupunktur und die Moxibustion wurden aus den Medizinfakultäten ausgeschlossen und konnte sich nur noch im Volk und unter den Berufsständigen halten. 

Je mehr die westliche Medizin in China Einkehr hielt, umso mehr wurde die TCM verbannt. 1929 wurde sogar ein Antrag zum Verbot der traditionellen Heilmethoden gestellt, der aber zurückgewiesen wurde.

Erst nach der Machtübernahme der kommunistischen Partei und unter der Führung des Vorsitzenden Mao Zedong erhielt die Akupunktur und die Kräutertherapie wieder einen wichtigen Stellenwert, gleichberechtigt neben der westlichen Medizin. 

Während sich die TCM im Westen ihren Stellenwert erkämpft, muss der Student an den chinesische Medizinfakultäten, in seinem fünf-jährigen Studium, mindestens ein Jahr die TCM erlernen, auch dann, wenn er nur die Schulmedizin studieren möchte.

In diesem neuen Stadium der Akupunktur und TCM, haben sich die Erforschung der klassischen Schriften und die klinischen Erfahrungen, mit der modernen westlichen Medizinwissenschaft, langsam miteinander verbunden.

So werden heute noch, oder besser wieder, den berühmtesten Ärzten Tempel gebaut und sie werden als Götter oder Heilige verehrt.

Literaturhinweise (Teil 1-4):

  • Unschuld: Medizin in China – eine Ideengeschichte
  • Fu Weikang: The Story of Chinese Acupuncture & Moxibustion
  • Porkert: Die Chinesische Medizin
  • Wong/Wu: History of Chinese Medicine
  • Needham: Celestial Lancets